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04.05.11 01:06 Alter: 1 Jahr(e)

Thesen zu einem „Leitbild Verkehr“ für den Landkreis Miltenberg

Kategorie: Verkehr, Die Grünen

Von: Frank Küster

Dieser Text wurde von Frank Küster verfasst und in der Kreisversammlung des Kreisverbands Miltenberg von Bündnis 90/Die Grünen am diskutiert und ergänzt. Sie sollen später auf ca. 10 Thesen mit kurzen Erläuterungen komprimiert werden.

Verkehr und Mobilität ist kein Wert an sich, sondern muss darauf ausgerichtet sein, konkrete Be­dürfnisse zu erfüllen und dabei die Interessen anderer zu berücksichtigen. Das Bedürfnis nach Mo­bilität ist aber gerade im ländlichen Raum besonders wichtig für die individuelle Lebensqualität. Eine moderne Verkehrspolitik muss daher einerseits versuchen, die Mobilitätsbedürfnisse aller Be­völkerungsgruppen gleichberechtigt zu befriedigen, andererseits Verkehr und dessen negative Aus­wirkungen wie Lärm, Schadstoffe und Unfälle möglichst zu vermeiden. Diese Thesen behandeln daher die Themen Verkehrsvermeidung, klimaschonende, ökologische und gerechte Verkehrsab­wicklung und Verkehrssicherheit.

 1.   Verkehrsvermeidung

Maßnahmen zur Vermeidung von Verkehr sind häufig dem Zugriff kommunaler Gliederungen ent­zogen oder überhaupt nicht politischer, sondern gesellschaftlicher Natur (z.B. Verzicht darauf, Sai­songemüse oder -obst ganzjährig kaufen zu können).

Es gibt aber drei Aspekte, wo kommunales Handeln möglich ist:

 a)        Wohnortnahe Bedürfnisbefriedigung

Es ist wichtig, dass die Bedürfnisse des Alltags möglichst wohnortnah gestillt werden können. Dazu sollten wir uns um den Erhalt der Altorte und ihrer vielfältigen Einzelhandelsstruktur, aber auch ihrer Dienstleistungs- und Kulturangebote (Schulen, Sportvereine, VHS, Kirchengemeinden) bemühen, soweit dies möglich ist, und auch moderne, großflächige Supermärkte und Discounter sollten möglichst nicht nur in den Zentren und dort in einem einzigen Gewerbegebiet entstehen, sondern möglichst gut verteilt.

Ein Beitrag, den die Verkehrspolitik selbst zur Stärkung lokaler Strukturen leisten kann, ist die Stärkung des „Langsamverkehrs“ (Fußgänger und Radfahrer).

·        Die in vielen Kommunen vorhanden Stadtbus­se müssen daher erhalten und ausgebaut werden, verkehrsberuhigte Bereiche – in Wohn- wie in Ein­kaufsgebieten – geschaffen werden

·        Barrierefreie Übergänge oder Unterführungen sollen geschaffen werden, mit denen Durchgangsstraßen und Bahnlinien gequert werden können.

·        Auch neue Main­brücken für Fußgänger und Radfahrer oder die Öffnung von Schleusenüberwegen für diese gehören dazu.

In diesem Bereich sollen die Kommunen – möglichst gemeinsam im Landkreis – eine Selbstverpflichtung eingehen.

 b)       Stopp des Straßenbaus

Der zweite Aspekt der Verkehrsvermeidung ist die Umkehrung des Lehrsatzes „Wer Straßen sät, wird Verkehr ernten.“[1] Umgehungen können zwar sinnvoll sein, um einzelne Flaschenhälse von Lärm und Unfallbelastung zu befreien, vergrößern aber oft die Gesamtbelastung und verlagern die Probleme nur. Daher sollte sich der Straßenbau auf den Erhalt bestehender Verbindungen beschränken – Neubauten oder auch Ausbauten für höhere Geschwindigkeiten bringen meist mehr unangenehmen (Durchgangs-)Verkehr als sie vor Ort nutzen.

Umgekehrt können auch Maßnachmen zur Verkehrsberuhigung den überflüssigen Verkehr ohne Verbote verringern. Dies können bauliche Maßnahmen, Geschwindigkeitsbegrenzungen oder eine Ausdehnung der Lkw-Maut auf Landstraßen sein.

Der Vorrang des Unterhalts vor dem Ausbau ist allein schon durch die öffentlichen Finanzen und die erwartete demographische Entwicklung zwingend.

Ein landkreisspezifisches Mittel zur Verkehrsvermeidung können neue Brücken am richtigen Ort sein. Im Südspessart würde eine Brücke viele Hin- und Herfahrten am Main verringern. Andernorts könnten viele kleine Brücken, vor allem für Fußgänger- und Radfahrer, neue Verbindungen schaffen und vielleicht manche Autofahrt überflüssig und die Orte für Wohnen und Arbeiten attraktiver  machen. Auch Fähren kämen in Frage, Orte sind z.B. zwischen Sulzbach und Niedernberg, Groß- und Kleinwallstadt, Erlenbach und Wörth (derzeit schon Fahrrad/Fußgängerbrücke) oder Groß- und Kleinheubach..

 2.   Klimaschonender, ökologischer und gerechter Verkehr

Die bisherige, autozentrierte Verkehrspolitik blendet aus, dass auch im ländlichen Raum vor allem mittelalte, sicher verdienende Erwachsene – vor allem Männer – regelmäßig ein Auto zur Verfügung haben. Kinder und Jugendliche, Senioren, die nicht mehr selbst Auto fahren können oder wollen, Frauen „ohne Zweitauto“ oder generell Einkommensschwache sind aber eigentlich in der Mehrheit. Darüber hinaus leiden gerade diese Gruppen besonders unter den negativen Folgen des Autoverkehrs – in unserem Landkreis besonders Verkehrslärm und das Zerschneiden der (Er-)lebensräume durch verkehrsreiche Straßen.

Daher ist eine Konzentration auf öffentlichen Nah- und Regionalverkehr und auf die Förderung des Fuß- und Fahrradverkehrs auch eine Frage der sozialen Gerechtigkeit. Weniger Schadstoffe und weniger klimaschädliche CO2-Emissionen erzeugen sie ohnehin.

Ein klimaschonender Umbau unseres Verkehrs erfordert sicherlich eine Abkehr von fossilen Brennstoffen als Haupt-Energielieferant. Dies ist außerdem aus wirtschaftspolitischen Gründen – den Kosten des Erdöls nach „Peak Oil“ und dem Wert dieses Rohstoffs für die Industrie – sinnvoll. Es ist aber nicht damit getan, das die gleichen Leute die gleichen Autos, nur mit schwerer Batterie und Elektroantrieb besitzen.

Unser Ziel: Im Jahr 2020 braucht im Landkreis Miltenberg auch eine Familie nicht unbedingt ein Auto. Jedenfalls aber kein großes, umwelt- und klimaschädliches „Familienauto“ für den Alltag. Dazu brauchen wir:

-        Einen Ausbau der Westfrankenbahn: Elektrifizierung und so viele zweigleisige Begegnungsstellen, dass ein doppelter Stundentakt möglich ist (stündlich ein Zug mit wenig Halten und ein Zug, der überall hält) und dabei ein Ausbau des Güterverkehrs möglich bleibt, mehr Haltestellen

-        Qualitative Verbesserungen im Zug- und Busverkehr: Bequemere, nicht überfüllte Verkehrsmittel auch in Stoßzeiten, in denen man mal die Morgenzeitung ausbreiten kann, jedenfalls aber mit einem Sitzplatz rechnen kann

-        Bessere Vernetzung von Bahn und Bus, Fahrradmitnahme auch für Pendler zur Arbeit und im Bus

-        Mehrfahrtenkarten sollten eingeführt werden, weil sie besonders für Gelegenheitsfahrer im Zug die Hemmschwelle senken, die derzeit durch den zeitlich nicht kalkulierbaren Fahrkartenkauf am Automaten entsteht.

-        Besseren Service, z.B. Baustelleninfos

-        Ausbau der Verkehrserziehung an den Schulen zur Mobilitätserziehung (z.B. Unterstützung der Kreisverkehrswacht)

-        Verbesserung der Voraussetzungen für Fahrrad- und Fußgängerverkehr

-        Angebot und/oder Infrastruktur für „neue Mobilität“. Damit gemeint sind kleine, leichte Fahrzeuge, die auf die individuellen Transportbedürfnisse zugeschnitten sind – mit welchem Antrieb auch immer, z.B. Pedelecs

-        Car-Sharing und/oder besseres Mietwagenangebot

 3.   Verkehrssicherheit

Jeder Verkehrstote ist einer zu viel, auch Verletztungen bringen unendlich viel Leid (und Kosten). Daher sollte sich unser Landkreis das Ziel setzen, die Zahl der Verkehrstoten mittelfristig auf Null zu bringen. Diese Idee hat bereits einen Namen, „Vision Zero“, siehe z.B. http://www.vcd.org/visionzero.html.

Sich dieses Ziel zu geben und es dann umzusetzen, ist allerdings kein Schritt denn „der Kreistag“ einfach beschließen und umsetzen kann. Stattdessen erfordert es einen dialogischen Prozess zwischen Bürgern, Politikern und Verwaltungsverantwortlichen.

 


[1]          Was er bedeutet, kann man in direkter Nachbarschaft in Großostheim beobachten: Durch die Ortsumgehung ist man so schnell vom Ortsteil Pflaumheim in Aschaffenburg, dass dort mittlerweile viel Verkehr unterwegs ist und über eine Umgehung für Pflaumheim nachgedacht wird. Sollte diese realisiert werden, kann man leicht vorhersehen, dass damit die dahinter liegenden Orte Wenigumstadt und Mosbach attraktiver werden, Verkehr anziehen und bald eine Umgehung brauchen... Oft dürfte dies nicht zu einer positiven Ortsentwicklung, sondern zur Bildung einer Schlafstadt und einer Zerstörung der dörflichen Strukturen führen.


2008 Bündnis 90 / Die Grünen im Landkreis Miltenberg
Pressebericht (zuletzt geändert am 29.06.07 18:07)