»Wer nicht mitzieht, muss sich rechtfertigen«
Grüner Bürgermeister Dieter Gewies referiert über den Ausbau von Alternativenergie in seiner Gemeinde Furth.
Kleinwallstadt. Ganz Bayern ist im Griff der Energiekonzerne. Ganz Bayern? Im unteren Isartal leistet ein kleines Dorf namens Furth erbitterten Widerstand. »Häuptling« Dieter Gewies berichtete am Dienstag in Kleinwallstadt, wie er es geschafft hat, seine Gemeinde fast vollständig auf dezentrale Stromproduktion und regenerative Energien umzustellen. Eingeladen hatte der Ortsverband der Kleinwallstädter Grünen.
Es ist eine kommunalpolitische Konstellation, von der so mancher der hiesigen grünen Bürgermeisterkandidaten träumen dürfte, die gestern mit rund 80 Zuhörern in der Bauernstube dem »Guru« der alternativen kommunalen Energieversorgung im Freistaat lauschten. »Ich weiß bis heute nicht, wie ich Bürgermeister geworden bin«, grinst der 61-jährige Rathauschef verschmitzt.
Begonnen hat das neue Zeitalter für die beschauliche 3000-Seelen-Gemeinde bei Landshut mit der Kommunalwahl 1996. Damals setzte sich Gewies gegen vier Mitbewerber durch, in der Stichwahl ließ er seinem verbliebenen Konkurrenten mit 71 zu 29 Prozent keine Chance. Das Ergebnis war vor allem deshalb bemerkenswert, weil Gewies Gründungsmitglied der Grünen ist und sein Gegner von der CSU kam - und das im tief schwarzen Niederbayern.
Aber die Bürger wussten offenbar, was sie wollten: weg von Öl und Gas, hin zu Sonnenenergie und nachwachsenden Energieträgern. Sechs Jahre später bestätigten sie den »Betriebsunfall«, wie Gewies seine erste Wahl gern bezeichnet. Seither ist er hauptamtlich tätig. Im Gemeinderat agiert er mit - nicht gegen, wie er ausdrücklich betont - »100 Prozent Oppostion«: sieben Christsoziale, sechs Freie und einen Sozialdemokraten. Bei der Kommunalwahl am 2. März kandidiert der dann 62-jährige gelernte Hauptschullehrer für eine dritte Amtszeit. Auf einen Gegenkandidaten der CSU wird er nicht treffen.
Vielfach preisgekrönt
Auf den ersten Blick ist Furth ein Dorf wie viele andere in der niederbayerischen Provinz. Doch beim genaueren Hinsehen - das zeigten die von Gewies in Kleinwallstadt präsentierten Lichtbilder - ist doch etwas anders. Die Dächer sind in ungewöhnlich großer Zahl nicht wie üblich ziegelrot, sie glänzen vielmehr bläulich-metallen in der Sonne. Mehr als 1000 Quadratmeter Solarkollektoren haben die Further auf ihren Häusern installiert, dazu kommen 5000 Quadratmeter Solarstromanlagen und das erste solarunterstützte Hackschnitzelheizwerk Deutschlands.
Weil Furth auch noch eine Biogasanlage betreibt und bei der Sanierung kommunaler Gebäude höchste ökologische Maßstäbe anlegt, ist die Gemeinde heute vielfach ausgezeichneter bayerischer Vorzeigeort in Sachen Nutzung erneuerbarer Energien. 70 Prozent seines Strom- und Heizwärmebedarfs deckt Furth inzwischen selbst - und das ohne Windräder oder Wasserkraft.
Kein Flächenverbrauch für Solarparks
»Wieso sollen wir unser Geld den Saudis in den Rachen schmeißen?« Gewies rechnete den Zuhörern vor, welche großen Energiepotenziale vor der eigenen Haustür brach liegen. Massiv wandte sich Gewies deshalb gegen weiteren Flächenverbrauch, »auch für Solarparks«. Es gebe in den Ortskernen genug Dach- und Fassadenflächen, die für Fotovoltaik genutzt werden könnten. In Furth tut dies inzwischen jeder zweite Haushalt. Auch Zugezogene merkten schnell: »Wer nicht mitzieht, muss sich vor den Nachbarn rechtfertigen.«
Die alternative Energieversorgung versucht Gewies in seiner Gemeinde in ein umfassendes Nachhaltigkeitskonzept einzubinden. Das sei Konsens in der Gemeinde, »da gibt es im Gemeinderat keinerlei Fraktionen«. Die Verwüstungen einer Nachkriegs-Flurbereinigung würden gerade beseitigt, eine kanalisierte »Forellenautobahn« zu einem naturnahen Bach zurückgebaut, das Landschaftsbild verschönert, die Wasserqualität verbessert. Keine Chance in Furth haben Verbrauchermärkte auf der grünen Wiese.
»Es muss alles in sich greifen«, skizziert der Grüne diese Kreislaufwirtschaft, »vor allem aber müssen die Bürger mitmachen.« Auch die 30 Landwirte im Ort weiß Gewies hinter sich. Er müsse sie nur noch dazu bringen, weniger Mais und mehr Gras für die Biomassenutzung anzubauen, weiß aber: »Es muss sich für die Bauern rechnen.«
Angebote abgeblockt
Versuche der großen Energieversorger, sich in Furth einzukaufen, wurden von der Gemeinde trotz verlockender Angebote bislang konsequent abgeblockt. »Wir wollen, dass die Anlagen im Besitz der Bürger bleiben«, bekräftigte Gewies. Dass das Ziel einer vollständigen Autarkie nicht zum Nulltarif zu verwirklichen ist, zeigen die zwei Millionen Euro Schulden in der Gemeindekasse. Auch deswegen riet Gewies: »Jede Gemeinde muss sich den für sie passenden Weg selber zuschneiden.«
Pressebericht (zuletzt geändert am 29.06.07 18:07)





