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13.10.07 16:41 Alter: 5 Jahr(e)

Wörther Weinberg-Frust sitzt tief

Kategorie: Ökologie, Ortsverband Wörth

Von: Jürgen Schreiner (Main-Echo)

Christine Scheel kritisiert »Mauscheleien« nach Bürgerentscheid - Nach der Wahl fallen weitere Obstbäume

Wörth. Im Schneesberg-Wingert ist mittlerweile wieder Gras gewachsen, die Wut über die Missachtung des Bürgerentscheids von 2004 indessen kaum verraucht. Bei einer Wanderung mit der grünen Bundestagsabgeordneten Christine Scheel beklagten Dr. Werner Trost, Mitinitiator des Bürgerbegehrens, und Bürgermeisterkandidat Jens Marco Scherf die »nachhaltige Beschädigung« der demokratischen Kultur in Wörth.

Dennoch zeigte sich Scherf zufrieden, dass bei einer Unterschriftenaktion am vorigen Kerbwochenende sich gut 500 Besucher gegen die Zerstörung des Grimmesgrundes durch eine Odenwald-Bundesstraße gewandt hatten (siehe Artikel »Grimmesgrund bleibt den Wörthern erhalten«). Die allgemeine Skepsis, »meine Unterschrift bewirkt doch sowieso nichts«, wertete der Grünen-Politiker aber als klaren Nachhall des von Bürgermeister Erwin Dotzel »ausgehebelten« Bürgerentscheids.

Ohne Wissen des Stadtrats

Am 30. März 2007 hat die Stadt Wörth ihre knapp 2,1 Hektar Streuobstwiesen samt Pflanzrechten an Baron Hasso von Hünersdorff verkauft. Wenngleich der Stadtrat der Verwaltung am 27. Oktober 2004 freie Hand gegeben hatte, die Pflanzrechte auf dem Markt zu veräußern, erfuhr der Stadtrat von der Transaktion erst in einer nichtöffentlichen Sitzung am 22. Mai dieses Jahres. Demzufolge bezahlte Hünersdorff für die Pflanzrechte 107000 Euro - exakt jenen Betrag, den die Stadt seinerzeit aufgewendet hatte - sowie 78000 Euro für die Grundstücke auf dem Schneesberg. Die Stadt hatte sich erst im Zuge der Flurbereinigung in den Besitz dieser Flächen gebracht.


Der frühere kommunale Naturschutzbeauftragte Reinhold Spall wies darauf hin, dass die städtischen Pflanzrechte nach dem Verkauf eigentlich zum 30. Juli dieses Jahres verfallen wären: »Sie wurden für das Hofgut per Ausnahmegenehmigung um ein Jahr verlängert.« Als Hintergrund vermutet er das politische Kalkül, unmittelbar vor der Kommunalwahl nicht über 150 Obstbäume im Kahlschlag fallen lassen zu wollen: »Nach dem 2. März können dann ja die Bagger anrollen.« Bis Dezember müssten die privaten Winzer, voran Klaus Giegerich, in Wörth Ausgleichsflächen für die zerstörten Streuobstwiesen nachweisen, ansonsten seien Zahlungen in den Naturschutzfonds fällig. »Es bleibt ein Unding, hier einen maschinengerechten Weinberg anzulegen«, bekräftigte Werner Trost seine Skepsis, »während auf der anderen Mainseite die Steillagen mit Steuergeldern subventionert werden.« Primär sei aber die politische Dimension. Knapp 70 Prozent der Wähler hätten bei einer Wahlbeteiligung von fast 50 Prozent gegen den Weinbau auf dem Schneesberg gestimmt.

Dennoch habe der Stadtrat nichtöffentlich den Verkauf von Pflanzrechten an Private beschlossen - für den früheren Zweiten Bürgermeister und CSU-Fraktionssprecher ein »Vergehen an der demokratischen Grundordnung«. In der Folge seien alle Hebel in Bewegung gesetzt worden, um den Weinberg zu erreichen, und keine politische Ebene in Bayern habe die Missachtung des Bürgervotums beanstandet. »Das riecht alles sehr nach Mauschelei«, meinte Christine Scheel. Sie erinnerte daran, dass es gerade in Bayern harte politische Auseinandersetzungen im Landtag um die Einführung des Bürgerentscheids gegeben habe. Umso bedauerlicher sei, dass der erste Urnengang in Wörth zu einem solchen Verdruss geführt habe.

Zum Abschluss ließ es sich Reinhold Spall nicht nehmen, der grünen Abgeordneten einen echten »Wörther Lügenbeutel« mitzugeben: eine Flasche selbstgekelterten Apfelweins vom Sauer- und Bocksberg - laut Etikett »besonders geeignet für aufrechte Demokraten«.


2008 Bündnis 90 / Die Grünen im Landkreis Miltenberg
Pressebericht (zuletzt geändert am 29.06.07 18:07)